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Charlène Muller 3

„Seit 2008, seit ich 23 bin, bin ich allein verantwortlich“

Charlène Muller stammt aus der Champagne und wurde mit 23 Jahren Kellermeisterin der Domaines Vinsmoselle in Grevenmacher. Sie sticht in einer sehr männlichen Genossenschaft hervor, mit ihrem starken Charakter und unbestrittenen Know-how jedoch konnte sie sich als das durchsetzen, was sie ist: eine ausgezeichnete Önologin.

Tochter eines Winzers, Enkelin eines Winzers … Charlène Mullers weinbauliches Schicksal schien besiegelt zu sein, aber sie hatte wahrscheinlich nicht gedacht, dass es am Ufer der Mosel sein würde. Denn anders als ihr Nachname vermuten lässt, stammt sie nicht aus dem Großherzogtum, sondern aus einer weltweit bekannten Appellation: der Champagne. Wie kam es, dass sie mit 23 Jahren (heute ist sie 34) zur Leiterin des Grevenmacher Genossenschaftskellers wurde? Im Folgenden eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden!

Charlène Muller kommt aus Monthelon, 5 km von Épernay entfernt, einem Dorf, wo ihre Eltern selbständige Winzer sind. Oder der geläufigen lokalen Bezeichnung nach: Récoltants-manipulants (Hersteller von Winzerchampagner). Champagnes Guy Muller ist ein angesehenes Weingut, „der Blanc de Blancs ist wirklich nicht schlecht“, sagt die junge Frau mit einem Lächeln. Selbst wenn sich die verschiedenen Generationen gut verstehen, ist es in einem Familienbetrieb jedoch nicht immer leicht, seinen Platz zu finden.

Als Kind verbrachte Charlène Muller Stunden damit, in den Weinbergen zu spielen und später dort zu arbeiten, aber es war nicht dieser Teil der Weinherstellung, der ihr am liebsten war. „Was mich faszinierte, war die Kellerarbeit“, erinnert sie sich. „Ich war so begeistert, wenn mein Vater oder die beratenden Önologen, die zu uns kamen, mit den Probestäben, Densimetern und Öchslewaagen hantierten. Ich konnte Stunden mit ihnen im Keller verbringen, während mich die Reben langweilten.“

Ich bekam die Schlüssel über Nacht mit der ganzen Verantwortung

Über die Jahre entschied sie sich auf Drängen ihrer Eltern, ihre Ausbildung an einem klassischen Gymnasium und nicht an einer Weinbauschule fortzusetzen, um so ihr Wissen zu erweitern. Nach einem wissenschaftlichen Abitur – ein Jahr früher als geplant –, machte sie dann in Avize, im Herzen der Champagne, ihren Abschluss „Brevet de technicien supérieur en viticulture-œnologie“ (2003) und erwarb schließlich ihr Nationales Diplom für Önologie an der Universität Reims (2005).

Mit 20 und bereits vielen Diplomen in der Tasche, muss sie jetzt nur noch eine Anstellung finden. Ihre Eltern freuen sich über ihre baldige Rückkehr in den Familienbetrieb, haben aber nichts dagegen, dass ihre Tochter zuerst Erfahrung in einem großen Unternehmen sammelt. Charlène Muller hält also Augen und Ohren offen und sucht nach einer Möglichkeit, die sie anspornt.

Sie findet schnell heraus, dass die Domaines Vinsmoselle in Luxemburg Praktika für junge Absolventen anbieten, um die zusätzliche Arbeit während der Weinlese zu schaffen. Zusammen mit drei Kollegen entdeckt sie die Kellerei in Wellenstein, in der sich die Labore der Genossenschaft befinden. Die Erfahrung ist so positiv, dass Vinsmoselle entscheidet, sie sofort in Wellenstein als Assistentin des Kellermeisters Mathias Lambert einzustellen, mit dem sie eine tiefe Freundschaft entwickeln wird – er wird sogar Pate ihres zweiten Sohnes.

Die Genossenschaft hat aber eine besondere Idee im Hinterkopf. Die Pensionierung des Kellermeisters in Grevenmacher steht unmittelbar bevor und es ist an der Zeit, über seine Nachfolge nachzudenken. Der neue Technische Direktor Bernd Karl denkt an diese neue Mitarbeiterin, die sich schnell bewähren konnte und überzeugt hatte. 2007, zwei Jahre nach ihrer Ankunft, zieht sie 30 Kilometer weiter Richtung Norden – immer noch als Assistentin. „Es war ein Übergangsjahr, und ab dem folgenden, 2008 und mit 23, übernahm ich die Leitung. Der damalige Vinsmoselle-Direktor Constant Infalt folgte Bernds Rat und hatte den Mut, an mich zu glauben und mir den Posten zu geben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“

Der Riesling Art&Vin, den ich in dem Jahr vinifizierte, gewann beim Wettbewerb der weltbesten Rieslinge in Straßburg eine Goldmedaille. Mir hat diese Auszeichnung sehr viel bedeutet, es war mein erster Jahrgang

Als Unternehmen mit einer langen Geschichte, wo Traditionen sehr wichtig sind, trifft Vinsmoselle eine gewichtige Entscheidung … Was aber kein Geschenk für die neue Leiterin einer der wichtigsten Kellereien der Unternehmensgruppe ist. „Ich bekam die Schlüssel über Nacht mit der ganzen Verantwortung, die damit verbunden ist. Obwohl ich mich bei Fragen an meine Kollegen wenden konnte, musste ich es dennoch alleine schaffen, mit der vollen Freiheit, mein eigenes System aufzubauen.“

Der Druck ist enorm, Stress allgegenwärtig. „Kellermeisterin während der Lese zu sein bedeutet, in dreißig Sekunden eine Entscheidung treffen zu müssen. Und es sollte die richtige sein. Während meiner ersten Lese fiel es mir schwer, mich von meinen Fässern und Tanks zu trennen. Am Anfang war ich 14 oder 15 Stunden vor Ort, um den Fortschritt der Gärungen zu überprüfen. Ich musste mich jedoch ein wenig bremsen: Ich bin buchstäblich vor Müdigkeit umgefallen!“

Das Schicksal eilt zur Hilfe: 2008 ist ein sehr guter Jahrgang und Charlène Muller hat ihren Spaß. „Der Riesling Art&Vin, den ich in dem Jahr vinifizierte, gewann beim Wettbewerb der weltbesten Rieslinge in Straßburg eine Goldmedaille. Mir hat diese Auszeichnung sehr viel bedeutet, es war mein erster Jahrgang: Ich war sehr gerührt.“ Und dank dieser Auszeichnung konnte sie ihren neuen Status gegenüber denen verteidigen, die ihre Ernennung durch Anspielungen auf ihr junges Alter oder ihr Geschlecht kritisierten.

Wenn sie auf ihre Erfahrungen zurückblickt, will Charlène Muller jedoch nicht die Flagge des Feminismus hissen: „Dies ist wirklich nichts, was ich hervorheben möchte, weil ich es nicht so sehe“, sagt sie. „Wenn meine Karriere es ermöglicht hat, dass sich heute die Einstellung einiger Leute geändert hat, dann freut mich das sehr!“ Daran besteht kein Zweifel. Bei Vinsmoselle ist man sich, was ihr Know-how, ihre Integrität und Entschlossenheit angeht, einig.

 

„Alles außer Perlen!“

Man kommt nicht um den Gedanken umhin, dass es schon etwas paradox ist, dass Charlène Muller ausgerechnet in der Kellerei in Grevenmacher arbeitet. Sie, als waschechte Winzerin aus der Champagne, vinifiziert nur stille Weine und keine Schaumweine, während der Weltruhm der Region, in der sie aufgewachsen ist, auf Perlen beruht! „Ich stelle Weißwein, Rotwein, Rosé und manchmal sogar Eiswein her. Ich mache alles außer Sekt … aber ich kann damit leben (lacht)!“

Als Kellermeisterin ist sie jedoch an der Herstellung von Cuvées beteiligt – sowohl für stille Weine als auch für Crémants. „Bei jedem der etwa zwanzig Meetings im Jahr, ein gutes Drittel davon für die Crémants, nehmen wir uns die nötige Zeit, bis wir völlig zufrieden sind. Sind wir in Form, kann es eine Stunde dauern, aber manchmal sind es auch drei oder mehr. Was auch immer passiert, wir stehen nie auf, bis wir völlig zufrieden sind.“

Bernd Karl, der Technische Direktor der Domaines Vinsmoselle, und die verschiedenen Kellermeister der Genossenschaft (Wellenstein, Wormeldingen, Grevenmacher) treffen sich regelmäßig bei diesen Verkostungen. Mit welchem Ziel? „Um mit den Weinen aus den verschiedenen Parzellen zu spielen, den betriebseigenen Geschmack zu finden und Weine zu produzieren, die Jahr für Jahr auf der gleichen Linie liegen“, sagt Charlène Muller. „Persönlich habe ich zwei bis drei Jahre gebraucht, um den Geist luxemburgischer Weine zu verstehen, um die Identität von Vinsmoselle zu bewahren.“

Ritterschlag von ihrem Präsidenten

Als Charlène Muller in Luxemburg ankam, war Vinsmoselle-Präsident Josy Gloden noch nicht Vorstandsmitglied der Genossenschaft. Aber als Pfeiler der Vereinigung der jungen Winzer erinnert er sich sehr gut an dieses kleine Ereignis. „Nach ihrem Praktikum, als sie zur Assistentin des Kellermeisters in Wellenstein ernannt wurde, war es ein wenig verwirrend, weil sie Französin war und Mathias (Anm. der Redaktion: Lambert, der Kellermeister) nicht besonders gut Französisch sprach (er lacht)! Aber die beiden verstanden sich sofort sehr gut und arbeiteten perfekt zusammen.“

Der Winzer aus Bech-Kleinmacher lobt auch die menschlichen Qualitäten von Charlène Muller: „Wir haben schnell gesehen, dass sie sich sehr gut integriert. Sie blieb nicht allein in ihrer Ecke und ging ziemlich viel mit den jungen Leuten aus dem Dorf aus!“ In der Tat ist dies an den Ufern der Mosel eine wichtige Eigenschaft!

Und dann schätzt Josy Gloden natürlich das Know-how, das es ihr ermöglicht hat, sich in einer sehr männlichen Umgebung zu behaupten, was nicht so leicht ist: „Sie war jung und halt eine Frau. Aber wenn du den Männern erklärst, wie man es richtig macht, und sie sehen, dass es funktioniert, gibt es keine Probleme: Sie haben Respekt vor dir.“

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