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„Einige Wochen nach dem Frost sind die Reben immer noch in einer Art Koma“

Anfang Mai (insbesondere in der Nacht vom 4. auf den 5.) gab es Frost an der Mosel. Minustemperaturen in den frühen Morgenstunden verursachten große Schäden, auch in Weinbergen, die normalerweise nicht von Spätfrösten betroffen sind, wie z. B. der Hommelsberg in Wintringen. Bio-Winzer Yves Sunnen (Domaine Sunnen-Hoffmann in Remerschen) berichtet.

Welche Schäden haben Sie an Ihren Reben auf dem Hommelsberg in Wintringen, einem von den Frösten besonders betroffenen Gebiet, festgestellt?

Yves Sunnen: In Wintringen habe ich etwa 60 % Verluste und auf dem Hommelsberg ist es noch viel schlimmer. Oben, unter dem Wald, sind 70 % der Reben erfroren und unten, im Tal, sind es mindestens 90 bis 95 %. Um nicht zu sagen: 100 %. Insgesamt haben von meinen 9,5 Hektar fünf sehr unter den Frösten gelitten. Den Hiischeberg in Remerschen hat es auch schwer erwischt.

Die Mosel erlebte in den letzten Jahren oft Frostschäden, dreimal in vier Jahren – das ist viel!

Ja, 2016, 2017 und 2019. Dieses Jahr war es jedoch bei weitem am schlimmsten. Zum Glück gab es 2018 eine großzügige Ernte, ein Geschenk der Natur. Nun ist klar, dass wir an diese Spätfröste nicht mehr gewöhnt sind. Die letzten großen Schäden gab es 1991.

Also verdienen die Eisheiligen wieder ihren Namen?

Sie haben diesen Ruf nicht umsonst! Der Klimawandel ist das Problem. Früher blühten die Reben im Mai, jetzt bereits im April. An Ostern war es sehr warm. Und da die Reben immer schneller und früher wachsen, können Fröste in kritischen Phasen wie der Blütezeit auftreten. Das ist in diesem Jahr geschehen. Und ohne Blüten keine Früchte …

Gegen Morgen gefror die Feuchtigkeit auf den Blättern, und als die Sonne aufging, war das Eis wie eine Lupe, sodass die Blätter verbrannten.

Im Mai war es aber nicht wirklich übermäßig kalt …

Nein, aber -2 °C oder -3 °C reichen aus. Auf dem Hommelsberg konnte die kalte Luft im Tal nicht entweichen (Anm. der Redaktion: eine Sackgasse) und es war sehr feucht. Gegen Morgen gefror die Feuchtigkeit auf den Blättern, und als die Sonne aufging, war das Eis wie eine Lupe, sodass die Blätter verbrannten. Werden Sonnenstrahlen dermaßen gebündelt, können die Auswirkungen sehr groß sein: Eine Lupe ist ein sehr gutes Mittel, um ein Feuer anzuzünden. Es hat also nicht unbedingt etwas mit der Temperatur zu tun. Wenn alle Faktoren zusammenkommen, muss es nicht sehr kalt sein.

Gibt es wirksame Schutzmöglichkeiten? Im Burgund werden Feuer angezündet, um die Luft zu erwärmen …

In Luxemburg ist es nicht erlaubt, Feuer im Weinberg zu machen, das Umweltministerium verbietet dies. Vielleicht würde es auf Nachfrage aber eine Ausnahme machen … Das Problem ist eher, dass man im Voraus nie weiß, welcher Weinberg gefrieren wird. Viele der in diesem Jahr erfrorenen Reben gehören zu denjenigen, die bisher als geschützt galten! Hätte ich sie mit Mitteln vor Frost schützen müssen, wäre ich zum Beispiel nicht auf den Hommelsberg gegangen, sondern zum Fußballplatz in Remerschen am Talende, wo es oft friert. In diesem Jahr jedoch blieb der Nebel länger am Talboden und schützte die Reben vor den morgendlichen Sonnenstrahlen. Um Feuer zu machen, bräuchte es viele Freiwillige, die uns helfen würden, alles zu schützen, und die haben wir nicht. So oder so sind diese Wetterextreme, die in den letzten Jahren immer häufiger aufgetreten sind, völlig unvorhersehbar.

In einigen Regionen, vor allem in Deutschland, werden Ventilatoren oder gar Hubschrauber eingesetzt, um die Luft zu bewegen und die Konzentration von Kaltluft in Bodennähe zu vermeiden. Wäre das hier auch möglich?

Ich bezweifle, dass die Hubschrauber, die zum Besprühen eingesetzt werden, effizient genug sind, um dies zu tun … Vielleicht mit größeren … Was die Ventilatoren betrifft, so hätte ich, wie gesagt, sie nie im Leben auf dem Hommelsberg aufgestellt, einem Terroir, das normalerweise nicht besonders frostgefährdet ist. Ich denke, man muss immer mit dem Schlimmsten rechnen. So ist die Natur. Zum Glück sind wir gut gegen Frost und Hagel versichert (Anm. der Redaktion: der Staat subventioniert die Versicherung zu 65 %, das von der EU erlaubte Maximum). Aber dieses Geld füllt nicht die Keller …

Die Rebe muss wieder zu Kräften kommen. Es ist eine Pflanze, ein lebender Organismus und nicht nur Holz und Obst.

Im Weinberg ist der Unterschied zwischen erfrorenen und nichterfrorenen Reben ganz klar zu sehen. Wie werden die Reben sich jetzt entwickeln?

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Ist die Blüte schwarz, ist sie hin. Wir müssen dann sehen, ob das Holz ausreichend wächst, um das Wachstum im nächsten Jahr zu unterstützen. Ist die Spitze, die den Trieb steuert, verbrannt, ist es nicht sicher … Je mehr junge Triebe verbrannt sind, desto schlimmer sind die Folgen. Unter diesen Bedingungen müssen wir bereits jetzt über die nächsten Jahre nachdenken, weil die Lese dieses Jahr mehr oder weniger gelaufen ist. Die ganze Arbeit besteht jetzt darin, die Rebe wieder fit zu kriegen. Ist der Kopf des Rebstamms (Anm. der Redaktion: dort, wo die Triebe des Vorjahres wachsen; jene Triebe, die die Trauben tragen werden) zu stark beschädigt, kann man ihn abschneiden und weiter unten anfangen.

Die diesjährigen Fröste könnten demnach auch Auswirkungen auf den Jahrgang 2020 haben?

Ja! Das Wachsen der Traube ist ein zweijähriger Prozess. Als sie erfroren sind, waren die Reben schon mit der Ernte 2020 beschäftigt. Es besteht das Risiko, dass die Ernte im nächsten Jahr als Folge hiervon bescheiden ausfällt. Eine solche Kälte ist eine Verletzung für die Pflanze, ein Schock. Einige Wochen danach sind die Reben immer noch in einer Art Koma: Sie wachsen nicht mehr. Sie genesen, wie nach einem Autounfall. Die Rebe muss wieder zu Kräften kommen. Es ist eine Pflanze, ein lebender Organismus und nicht nur Holz und Obst. Um ihnen zu helfen, sich zu erholen, habe ich sie mit Baldrian besprüht.

Das Ergebnis ist also, dass sogar vollständig erfrorene Reben Ihnen viel Arbeit machen …

Es wird sogar noch mehr Arbeit sein! So sind beispielsweise abgestorbene Blätter der ideale Nährboden für Krankheiten. Ein angemessener Pflanzenschutz muss gewährleistet sein. Erfrorene Reben sind empfindlich. Sie sind geschwächt, genau wie ihre Resistenz gegen Krankheiten. Wenn die Blätter wieder nachwachsen, sind die Reben sehr empfindlich. Man muss sehr vorsichtig sein …

Die gesamte Mosel ist betroffen

Auch andere Gebiete sind von diesen Spätfrösten schwer getroffen worden. Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass die Reben auf dem Plateau mit Blick auf die Mosel sehr gelitten haben. Guy Krier (Domaine Krier-Welbes, in Ellange-Gare) erklärt, dass der Frost seine Reben auf dem Rouseberg in Stadtbredimus mit voller Wucht getroffen hat: „Insbesondere auf einer 50 Ar großen Fläche wird es nichts zu lesen geben.“

Mancherorts hat es sogar steile Hügel erwischt. So zum Beispiel auf dem Rousemen in Ehnen. „Fast alle Reben sind hin“, so Frank Keyser (Domaine Keyser-Kohll by Kohll-Reuland in Ehnen). „Glücklicherweise habe ich im März beschlossen, meine zweijährigen Reben so zu schneiden, dass sie Holz und keine Früchte produzieren, was sie widerstandsfähiger machte. Wenigstens sind die Rebstöcke nicht erfroren und sie wachsen jetzt gut“, sagt er beruhigt.

Was die Fröste 2019 von anderen unterscheidet, ist nicht nur das Ausmaß, sondern auch, dass sie an der gesamten Mosel auftraten. „Normalerweise sind einige Gemeinden oder Flurstücke von Frösten betroffen, aber dieses Mal war es das gesamte Tal, von Schengen bis Stadtbredimus“, sagt Josy Gloden, Winzer und Präsident der Domaines Vinsmoselle.

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