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UNESCO: „Mit den Nachbarn zusammen – das macht den Unterschied aus“

Im Oktober unterzeichneten lokale Akteure aus Luxemburg, Deutschland und Frankreich eine gemeinsame Absichtserklärung: Es geht um eine künftige Kandidatur des Moseltals zum UNESCO-Welterbe. Marc Weyer ist sehr engagiert. Er ist Winzer und Präsident der Europäischen wirtschaftlichen Interessenvereinigung (EWIV) Terroir Moselle und erläutert die Grundzüge dieser enormen Herausforderung.

Woher kam die Idee, dass sich das Moseltal – von der Quelle (Remiremont) bis zur Einmündung in den Rhein (Koblenz) – für die Aufnahme in die berühmte Liste der UNESCO-Welterbestätten bewerben soll?

Aus Deutschland. Unsere Nachbarn sagten sich 2014, dem Gründungsjahr der Vereinigung Welterbe Moseltal, dass die Mosel dies auch verdient hätte, nachdem das Obere Mittelrheintal klassifiziert wurde (Anm. der Red.: 2002). Es waren die Cochemer Winzer, die das Projekt ins Leben riefen, u. a. mit Rolf Haxel, dem ehemaligen Präsidenten des deutschen Weinbauverbands Mosel, der ein guter Freund von mir ist. Wir arbeiten viel zusammen, vor allem im Rahmen der LAG (Lokale Aktionsgruppe) Leader Miselerland und Terroir Moselle. Er bat mich, das Vorhaben international auszudehnen und die Luxemburger und Franzosen einzuladen, sich anzuschließen.

Was würde eine solche Öffnung bringen?

Wenn man UNESCO-Welterbe werden will, dann nimmt man an einem Wettbewerb teil. Tut ein Land dies alleine, wird das Dossier nicht sehr gut abschneiden. Aber mit den Nachbarn zusammen – das macht den Unterschied aus! Mit einer transnationalen Ausrichtung kann man viele Punkte sammeln. Deshalb haben wir im Oktober in Grevenmacher die Absichtserklärung unterzeichnet, damit das Projekt starten kann. Zusammen haben wir eine Chance auf Erfolg, als Einzelkämpfer überhaupt keine.

Was bringt eine solche Aufnahme ins UNESCO-Welterbe?

Eine unglaubliche Sichtbarkeit! Aber mehr noch als das Ergebnis … scheint der Weg dorthin fast interessanter. Das Ganze wird wirklich sehr lange dauern, aber es wird es uns ermöglichen, unsere Mosel-Identität besser zu definieren und uns zwischen den drei Ländern besser kennenzulernen. Es ist der richtige Zeitpunkt, dass sich alle vernetzen! Wenn es uns gelingt, gemeinsam weiterzukommen, kann dies bereits als Erfolg gewertet werden. 

Inwiefern hat die Eintragung des Oberen Mittelrheintals Modellcharakter?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten: Wein, Erbe, Geschichte … aber reines Kopieren reicht nicht aus. Für eine Kandidatur braucht es ein sehr viel ausführlicheres Dossier. Weinbau ist keine Erfolgsgarantie. Viele Regionen stellen Wein her und manchmal in einer Landschaft, die beeindruckender ist als unsere. Das Douro-Tal in Portugal zum Beispiel. Es müssen bessere Argumente gefunden werden. Dank der Transnationalität können wir eine andere Geschichte ausarbeiten.

Zusammen haben wir eine Chance auf Erfolg, als Einzelkämpfer überhaupt keine.

Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine Mosel-Identität gibt. Es gibt nicht unbedingt viele Gemeinsamkeiten zwischen einem Franzosen aus Épinal und einem Deutschen aus Bernkastel-Kues … Aber letzten Endes ist eine Identität eine Konstruktion, die aus einem Völkergemisch und dem Wunsch nach Zusammenleben entsteht.

Der Fluss ist demnach der gemeinsame Nenner. Daraus ergeben sich die Weinkultur, die Traditionen, die Landschaften, deren Entwicklung vor 2.000 Jahren mit der Pflanzung unserer Reben durch die Römer begann. Dieses Projekt ist eine gute Gelegenheit, uns selbst zum Nachdenken zu bringen und herauszufinden, wer wir sind, um unsere Identität über die Grenzen hinweg zu stärken. Um dies zu erreichen, müssen wir mit vielen Partnern zusammenarbeiten, von denen wir einige noch gar nicht kennen, um so unsere Stärken und Bedürfnisse zu ermitteln.

Was nicht leicht sein wird. Drei Länder, drei Sprachen … 

Ja, aber unsere Geschichte ist im Grunde doch sehr ähnlich. Wir teilen ein gemeinsames historisches Erbe. 

Besonders jetzt, da die schwierigen Momente dieser Geschichte verdaut sind. Das Moseltal ist die Geschichte Europas im Kleinformat …

Alle Kriege gehören der Vergangenheit an. Die letzte Generation hatte andere Ressentiments, andere Erfahrungen, aber das haben wir überwunden und hinter uns gelassen. Wir überqueren Grenzen und es ist das Normalste der Welt. Man geht zum Friseur in Deutschland, zum Bäcker in Frankreich: alles eine Selbstverständlichkeit. Und wir zahlen mit dem gleichen Geld. Kaum zu glauben, was in wenigen Jahrzehnten so alles passiert ist. Die Geschichte der Mosel ist der Erfolg des europäischen Geistes. Ich wurde 1965 geboren, ich erinnere mich an die Zollkontrollen auf den Brücken, die großen Portemonnaies für die Deutsche Mark, die luxemburgischen und französischen Francs. Man musste aufpassen, was man auf der anderen Seite der Grenze kaufte: Die Mengen waren begrenzt. Wer in Trier viel kaufte, musste diese Einkäufe verzollen und Steuern zahlen. Ein schöner Wintermantel, Schuhe und drei Paar Hosen … mehr war nicht drin! Wenn der Zollbeamte einen schlechten Tag hatte und das Öffnen des Kofferraums verlangte, konnte es schon mal Probleme geben. So lange ist dies noch nicht her, nur ein paar Jahrzehnte. Ein Schritt zurück ist unvorstellbar. Es wäre eine Katastrophe (Anm. d. Red.: das Interview fand kurz vor der Ausgangssperre statt; seitdem muss man eine Grenzübertrittsbescheinigung mit sich führen)! Wir müssen dies hervorheben und uns auf diese spezifische Besonderheit der Mosel konzentrieren, die den Erfolg Europas veranschaulicht.

Die Kandidatur kann jedoch noch so gut sein, sie wird nur angenommen werden, wenn auch die Finanzierungsmittel drum herum stimmen. Was erhoffen Sie sich?

Ja, das stimmt. Wir brauchen Gelder. Ohne kommt man nicht weit. Sehen Sie sich nur das Dossier an, das von der Champagne eingereicht wurde, die 2015 zum Welterbe ernannt wurde. Es ist großartig. Das Problem ist der Zeitfaktor. Für ein derartiges Dossier braucht es zehn, fünfzehn oder gar zwanzig Jahre. Aber die Politiker denken selten so weit in die Zukunft … Wir müssen Überzeugungsarbeit leisten!

Neben Geldern braucht es aber auch eine Organisation, die die Kandidatur managt. Könnte das Terroir Moselle diese Aufgabe übernehmen? Es hat sich ja ein umfassendes Know-how in grenzüberschreitenden Fragen angeeignet.

Das Terroir Moselle ist ein hervorragendes Beispiel, das beweist, dass die drei Länder zusammenarbeiten können, wenn Know-how und Motivation stimmen. Aber zurzeit ist die Organisation noch viel zu klein. Das wäre nicht möglich. Dennoch ist unser Netzwerk unsere Stärke. Wir kennen viele Menschen und Organisationen … Und auch die unterschiedliche Mentalität der Deutschen, Luxemburger und Franzosen. Wenn dem Terroir Moselle die Mittel zur Verfügung gestellt würden, dann wäre dies ein guter Anfang, aber vielleicht wäre die Gründung einer neuen Organisation die bessere Idee? Ich weiß es nicht …

Dank der Transnationalität können wir eine andere Geschichte ausarbeiten.

Als Rechtsform würde sich eine Europäische wirtschaftliche Interessenvereinigung (EWIV) anbieten …

Ja, laut Statuten ist alles möglich. Der Sitz ist in Grevenmacher, aber wir können überall arbeiten. Das Leader-Programm, das die Handlungsfelder des Terroir Moselle festlegt, läuft 2022 aus. Aus diesem Grund muss eine neue Strategie für die nächsten sieben Jahre entwickelt werden. Eines der Themen könnte die Schaffung eines interregionalen Managements sein, das sich mit diesen Fragen befasst: der UNESCO-Kandidatur, aber auch anderen grenzüberschreitenden Problemen. Für die Obermosel, wo erst vor kurzem ein Abkommen zwischen Luxemburg und Deutschland unterzeichnet wurde, gibt es bereits ein Entwicklungskonzept. Mit Geldern der beiden Länder wurde eine Person eingestellt, um die Überlegungen bezüglich alltäglicher grenzüberschreitender Fragen, wie z. B. Mobilität und Verkehr, voranzutreiben. Synergien sind mit Sicherheit möglich … 

Und die Luxemburger wären perfekt, um alle zusammenzubringen, und wenn es nur auf sprachlicher Ebene wäre …

(Lacht) Ja, Sprachen sind eine unserer Stärken. Aber auch in Bezug auf die Entfernungen: Ehnen liegt in der Mitte der Mosel, das würde demnach Sinn machen. Ganz davon zu schweigen, dass das Land europäisch denkt, was durch Schengen symbolisiert wird.

Dieses Projekt steht unter der Leitung lokaler Akteure in homogenen Strukturen, den lokalen Aktionsgruppen (LAGs), die mit europäischen Geldern zur Entwicklung ländlicher Gebiete (Leader) finanziert werden. Ein konkretes Beispiel für die Wertigkeit dieser Programme der Europäischen Union, deren Sinn manchmal nur schwer zu begreifen ist. 

Genau, ein Bottom-up-Ansatz: Die Region möchte selbst Entscheidungen zu ihrer Entwicklung treffen und kann dies im Rahmen dieser von Europa entwickelten Strukturen tun. Da wir ähnlich aufgestellt sind, wird die Arbeit mit anderen LAGs auf diese Weise vereinfacht. Seit der Einrichtung der Leader-Programme funktioniert die Zusammenarbeit besser. Wir stellen zum Beispiel fest, dass Lothringen in Frankreich seit der Gebietsreform und der Schaffung der wirklich sehr großen Region ‘Grand Est’ verstärkt mit uns zusammenarbeiten möchte. Es macht ja auch mehr Sinn, dass sie sich mit der grenzüberschreitenden Großregion identifizieren statt mit der neuen Großregion ‘Grand Est’. Die Champagne, das Elsass … diese Regionen sind weit weg und die Gesellschaftsstruktur eine ganz andere.

Die Geschichte der Mosel ist der Erfolg des europäischen Geistes.

Eine Aufnahme ins Welterbe ist das prestigeträchtigste Programm der UNESCO, aber es gibt auch noch andere. Wären diese auch interessant für Sie?

Ja, sicherlich. Es gibt auch das ‘Man and Biosphere’-Programm, das für uns von Interesse ist. Hier geht es darum, thematische Inseln um Stärken (Natur, kulturelles Erbe, Traditionen, Menschen …) herum zu definieren und diese zu vernetzen. Dieses flexiblere Konzept ließe sich auch sehr gut an unsere Region anpassen.

Manche Kritiker behaupten, wenn das Tal zum Welterbe ernannt würde, könnte es wie unter einer Glasglocke abgeschottet sein. So wurde beispielsweise ein Brückenprojekt im Mittelrheintal blockiert. Was ist Ihre Meinung dazu?

Man muss über all dies nachdenken, um herauszufinden, was man sich für die Zukunft wünscht. Aber sicher ist, dass das Einfrieren der Region auch nicht das Ziel ist.

Welche Beziehung unterhalten Sie als Winzer zu Ihren Kollegen in den Nachbarländern?

Auch wenn wir alle Konkurrenten sind, auch innerhalb Luxemburgs, sind die Beziehungen doch sehr gut. Die Verbände funktionieren prima. Wir sprechen zum Beispiel über eine transnationale AOP. Diese Appellation wäre eine Chance für große Kellereien, denn sie würde die Entwicklung eines für die Mosel einzigartigen Charakters in einem größeren Rahmen ermöglichen. Auf diese Weise könnten wir große internationale Märkte mit höheren Volumina erreichen. Das größte Problem besteht darin, einen Namen zu finden, da der Name Mosel bereits vergeben ist. Und die nationalen Appellationskomitees sind sehr streng …

Wäre die Hauptmotivation für dieses Projekt zur Ernennung als UNESCO-Welterbe nicht letztendlich, dass die Botschaft vermittelt würde, dass drei benachbarte Regionen mit unterschiedlichen Nationalitäten zusammenarbeiten und näher zusammenrücken wollen, um ihren Bewohnern eine gemeinsame Zukunft zu bieten?

Absolut. Wenn sich unsere Regionen in den nächsten fünfzig Jahren auf intelligente und koordinierte Weise entwickeln wollen, ist ein transnationales Management dringend notwendig. Dies geht über die UNESCO-Bewerbung hinaus, aber dieses Dossier ist sehr wichtig, um sich zusammenzutun und zu lernen, wie man noch besser zusammenarbeiten kann. Nehmen Sie das Immobilienproblem: Die Menschen, vor allem junge Leute, wollen in Luxemburg arbeiten, was logisch ist, aber sie müssen in Deutschland oder Frankreich wohnen, weil das Leben in Luxemburg sehr teuer ist. Sie gehen mit ihren Kindern ins Ausland, die folglich nicht mehr in Luxemburg zur Schule gehen. Aus diesem Grund werden auch die Kultur- und Sportvereine, die für das Leben unserer Städte und Dörfer so wichtig sind, nur schwer überleben können. Das Problem ist globaler Natur, und wir müssen ganz dringend gemeinsam über eine möglichst harmonische Entwicklung nachdenken. Zum Wohle aller.

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